Ich fahre seit einigen Jahren #mdRzA („mit dem Rad zur Arbeit“). In der Vergangenheit hatte ich in unterschiedlichen Abständen mal öfter, mal seltener Pannen, aber meistens so zwei Platten im Halbjahr. Und so ein Plattfuß ist immer Aufwand: Werkzeug muss dabei sein, das Wetter spielt gerne mal nicht mit (Winter, Regen, Wind …) und wenns auch noch das Hinterrad erwischt, wirds richtig fummelig.
Das alles ist deshalb so nervig, weil zwischen Mantel und Felge eben der Schlauch liegt. Der muss in den meisten Fällen ersetzt (oder, wenn du Zeit und Muße hast, geflickt) werden – und dazu musst du ihn erstmal rausholen. Heißt: ganzes Rad aus dem Rahmen, Mantel halb runter, Schlauch raus. Und wenn du den Dorn, Nagel oder Glassplitter, der dir den Schlauch zerlegt hat, nicht findest und im Mantel übersiehst, machst du dir mit etwas Pech direkt den nächsten (Ersatz-)Schlauch wieder kaputt. Tolle Sache, vor allem morgens um sieben im Nieselregen.
Zwischenzeitlich habe ich ALLE meine Fahrräder „tubeless“ gemacht. Das bedeutet: Zwischen Mantel und Felge ist kein Schlauch mehr. Und genau das ist der Vorteil – der Mantel muss gar nicht mehr von der Felge, außer er ist so kaputt, dass weder Dichtmilch noch Gummipfropfen das Loch noch schließen können. Und das ist mir bislang genau einmal passiert (dazu später mehr – Stichwort Wodkaflasche). Für den Fall der Fälle habe ich trotzdem immer einen passenden Ersatzschlauch dabei. Der wäre im Notfall auch schnell wieder drin – mit dem entsprechenden Mehraufwand eben.
Mögliche Reifenpannen mit Tubeless-Rädern
Tja, über Glasscherben, Rosendornen, Nägel, etc. fährst du eben auch mit Tubeless-Rädern drüber. Dabei bohren sich diese Gegenstände dann teilweise auch komplett durch den Mantel. Was passiert dann?
Im Idealfall kommt die Dichtmilch in den Rädern zum Zug. Ein Tubeless-Setup besteht immer aus einem Felgenband, welches den Luftaustritt in Richtung Speichen verhindern soll, und einer Dichtmilch, die als Pannenschutz dient, aber auch sämtliche Stellen abdichten soll, durch die möglicherweise Luft aus dem Reifen entweichen kann. Fährst du über einen Dorn oder einen ähnlichen Gegenstand, der ein kleineres Loch in den Mantel piekst, sollte die Dichtmilch so gut arbeiten, dass dieses Loch wieder geschlossen wird, während sich das Rad dreht. Die Dichtmilch ist i.d.R. dickflüssig und mit feinen Fasern versehen, die auch relativ schnell an der Luft trocknet. In den meisten Fällen wirst du also ggf. gar nicht mitbekommen, dass du eigentlich eine Reifenpanne hattest – weil die Dichtmilch eben ihren Job getan hat. Bislang zwei Mal ist es bei mir vorgekommen, dass die Dichtmilch das Loch im Mantel nicht mehr schließen konnte. Das waren dann aber auch schon ziemlich breite Schnitte im Mantel.
Ein netter Nebeneffekt, an den man erstmal gar nicht denkt: Durchschläge. Wenn du mit Schlauch in ein hartes Schlagloch oder über eine fiese Kante knallst, quetschst du den Schlauch zwischen Hindernis und Felgenhorn – das gibt diese zwei kleinen Löcher nebeneinander, den sogenannten „Snakebite“ (Schlangenbiss), und der Schlauch ist platt. Ohne Schlauch kann da nichts mehr eingequetscht werden. Ein heftiger Durchschlag schadet dann im Zweifel „nur“ noch der Felge – aber dein Luftdruck bleibt.
Das ist doch alles eine Sauerei, weil die Milch sofort überall herumsifft
Es gibt sehr viele Anleitungen in den sozialen Medien, Videos und Blogs, die grundsätzlich beschreiben, wie das mit dem Umrüsten auf tubeless funktioniert, allerdings sind das oft Methoden, die ich für nicht sehr geschickt halte. Und ich habe einige Methoden getestet. Zugegeben: Manche Methoden funktionieren mit bestimmten Mänteln besser als mit anderen. Manchmal hat man sehr fiese Flanken in den Felgen und dazu dann noch störrische, sehr zähe Reifen, so dass ein Aufziehen des Mantels generell schon ein frustrierender Vorgang ist. Bislang hatte ich das bei EINEM Bike, dass es richtig nervig war – und das war beim Cannondale Topstone 1 meiner Frau (WTB i21 light Felgen + WTB Riddler Mäntel). Auf dem Cannondale Topstone 0 von mir ist zwar die gleiche Konfiguration – die Reifen waren aber hier sehr, sehr viel leichter aufzubringen.
Die Methode, die bei mir auf bislang allen Felgen und Mänteln astrein funktioniert hat – auch ohne Kompressor – und dazu sauber und ohne Sauerei: Aufziehen des Mantels zunächst ohne Dichtmilch.
Die Sauerei bei den meisten Methoden entsteht dann, wenn der Mantel beim Aufpumpen ohne Schlauch nicht auf die Felgenflanken springt – also die höheren Seiten innerhalb der Felge. Dass das ggf. nicht sofort funktioniert, merkt man aber i.d.R. erst, wenn man es probiert. Und genau da geht dann das Gesuppe los.
Was du brauchst
- Felgenband: Hier solltest du schauen, wie breit deine Felge ist, und dann ein entsprechend passendes Felgenband bestellen.
- Tubeless-Ventile: Bei Schlauch-Rädern ist das Ventil ja schon fest im Schlauch verbaut. Wir entfernen den Schlauch, daher müssen wir Ventile fest in die Felge installieren. Das geht aber sehr einfach – und die halten erstaunlich dicht!
- Dichtmilch: Das ist ein MUSS – und nicht nur Pannenhilfe! Ich dachte anfangs oft, dass man die Dichtmilch nur braucht, damit im Pannenfall Löcher geschlossen werden. Dem ist nicht so! Die Dichtmilch verschließt dauerhaft kleinere Stellen, durch die ggf. Luft entweichen könnte. Im Lauf der Zeit wird dein Laufrad so immer luftdichter, während du in den ersten Tagen doch relativ oft nachpumpen musst.
- Werkzeug: Reifenheber und Ventil-Werkzeug.

Felgenband anbringen
Das fühlt sich beim ersten Mal sehr fummelig an – aber nimm dir einfach Zeit dafür und mach es sorgfältig. Es ist nicht schwer – du musst nur laaaangsam dabei vorgehen. Wir fangen mit dem Anbringen ca. zwei Daumen breit vom Ventil-Loch der Felge an und hören nach einer Umrundung dann ca. zwei Daumen breit dahinter auf. Damit ist über dem Ventil dann doppelt Felgenband. Wichtig dabei: Schau, dass möglichst die ganze Felgenbreite abgedeckt ist und dass du beim Auftragen im Felgenbett eventuelle Luftbläschen gleich wegmassierst. Ganz kleine Bläschen dürfen ruhig noch sein, aber großflächig Luft unterm Felgenband wäre nicht so gut.


Ventile einsetzen
Sitzt das Felgenband, kommt das Tubeless-Ventil rein. Dazu an der Stelle, wo vorher das Ventil-Loch war, das Felgenband mit etwas Druck durchstechen, das Ventil von innen durchstecken und festziehen. Klingt nach wenig, ist auch wenig – und die Dinger halten erstaunlich gut dicht.
Reifen aufziehen
Das hier ist der Schritt, von dem ich kein Foto habe – dabei ist er ziemlich entscheidend. Nachdem das Tape sauber sitzt, ziehe ich in der Regel direkt den Reifen auf. Wichtig ist, wie er dabei in der Felge liegt: In der Mitte hat jede Felge so eine Rille bzw. Vertiefung – das Felgenbett –, und nach außen wird es höher, das sind die Felgenhörner (die hohen Kanten innen). Genau auf diese hohe Kante muss der Reifen am Ende, damit er nachher luftdicht draufsitzt.
Fürs erste Aufpumpen musst du den Reifen aber noch gar nicht komplett oben haben. Es reicht, wenn du etwa 50 % der Auflagefläche mit den Reifenhebern (bei mir die blauen von Schwalbe) auf die hohe Kante drückst. Den Rest macht gleich die Luft.
Erstes Aufpumpen – noch ohne Milch
Jetzt wird gepumpt, und zwar noch ohne Dichtmilch. Mit einem Kompressor ist das deutlich einfacher, weil du gar nicht so viel vom Reifen vorher auf die Kante ziehen musst – der Schlag Luft reicht meist schon. Aber: Wenn die besagten 50 % sitzen, zieht der Reifen in aller Regel auch mit einer ganz normalen Standpumpe. Dann heißt es einfach einmal zügig durchpumpen, bis es zwei-, dreimal laut „plopp“ macht und der Reifen rundum in die Felgenhörner springt. Genau dieses Geräusch willst du hören.
Und genau weil ich erst ohne Milch aufziehe, bleibt der ganze Vorgang sauber: Springt der Reifen mal nicht sofort drauf, ist eben noch keine Milch drin, die dir bei dem Gefummel überall hinkleckert.
Dichtmilch rein
Sitzt der Reifen sauber rundum, lässt du die Luft wieder komplett raus. Keine Sorge – der Reifen bleibt jetzt da, wo er ist, der rutscht nicht wieder aus den Hörnern. Als Nächstes den Ventilkern mit dem Ventil-Werkzeug rausdrehen (das blaue Teil auf dem Foto).

Jetzt die Dichtmilch mit einer Spritze aufziehen – ich nehme die Menge, die der Hersteller für die Reifenbreite angibt – und durch die offene Ventilöffnung (also ohne Ventilkern!) in den Reifen spritzen.


Ventilkern wieder rein, komplett aufpumpen – fertig.
Einrollen und Probefahrt
Jetzt kommt das Rad zurück ans Bike. Am besten spannst du es in den Montageständer und lässt das Laufrad ein paar Mal ordentlich durchdrehen, damit sich die Milch innen überall verteilt – ein bisschen schwenken und kippen schadet auch nicht. Danach direkt eine kleine Proberunde drehen und schauen, ob die Luft hält. In den allermeisten Fällen wars das dann auch schon.

Im Alltag: weniger Druck, den Schlauch trotzdem dabei
Mit Tubeless fährst du übrigens spürbar weniger Luftdruck als mit Schlauch – das gibt mehr Grip und mehr Komfort, ohne dass du gleich einen Snakebite riskierst. Trotzdem packe ich mir für längere Touren weiterhin einen Schlauch ein. Sicher ist sicher.
Für die kleineren bis mittleren Löcher, die die Dichtmilch nicht von allein zubekommt, gibt es diese „Gummiwürste“-Notfallkits – kleine Gummipfropfen, die du mit einem Stachel von außen ins Loch drückst. Halten erstaunlich gut. Erst wenn auch die nicht mehr greifen, muss im echten Notfall doch der Schlauch rein. Das kommt aber wirklich selten vor – und wenn, dann muss das schon ein ordentliches Loch sein.
Die Ausnahme: die Wodkaflasche
Apropos ordentliches Loch. Tatsächlich hat jetzt beim aktuellsten Schaden am Reifen wirklich gar nichts mehr geholfen – weder Milch noch Gummiwurst. Auf dem Radweg (bei Regen – ist ja klar) lag der Boden einer zerbrochenen Wodkaflasche, und beim Drüberfahren hat es auch richtig gekracht. Es war morgens und durch die nasse Fahrbahn, sieht man sowas dann nochmals schlechter. Das Ergebnis: ein Schnitt, durch den die Milch einfach rausgeblubbert ist. Aber mir war auch gleich bei diesem Geräusch klar, dass DAS eine etwas größere Kategorie war.

In so einem Fall hilft dann eben nur noch der Ersatzschlauch – der Grund, warum ich ihn trotz allem immer dabeihabe. Aber ehrlich: Für genau einen solchen Fall in all den Jahren nehme ich den Mehraufwand gerne in Kauf. Und in dem Fall kam er noch nicht mal zum Einsatz: Denn mit Glück im Unglück ist das ganze ca. 800m von daheim aus passiert. Also: heimschieben! Schlauchwechsel am 25kg-E-Bike am Hinterrad: Es gibt echt witzigere Beschäftigungen. 😉
Unterm Strich: Seit ich auf Tubeless umgestiegen bin, habe ich am Straßenrand praktisch keine Panne mehr geschraubt. Die meisten Löcher merke ich gar nicht mehr – die Milch erledigt das, während ich fahre. Oder es reichen die o.g. Gummipfropfen. Wer täglich aufs Rad steigt, für den ist das ein echter Unterschied. Nichts anderes mehr eben.
